Sonntag, 28. März 2010

Die Zeit

Zorban, aufwachen.“ Ich gähnte und streckte mich.

„Lange nicht gesehen.“

„Entschuldigung.“

„Der Fuchs hat dich gefunden?“

„Mhm.“ Ich verzog das Gesicht.

„Unangenehmer Zeitgenosse, ich weiß. Ist aber der Beste.“

„Der Beste was?“

„Der beste Wanderer. Er wandert zwischen den Welten.“

„Das heißt...“

„Genau, das heißt, wir können ihn losschicken. Er bringt uns alle, die wir suchen.“

„Kommt das oft vor?“

„Immer wieder. Ich weiß, der Fuchs wollte dir was anderes weismachen. Das ist aber Unsinn. Junge, unerfahrene Träumer vergessen einfach leicht. Aber ich denke, jetzt ist es in dein Bewusstsein eingedrungen. Du wirst immer wieder herfinden!“

„Gut.“ Ich seufzte erleichtert.

„Wir müssen anfangen!“

Ich sah ihn unsicher an.

„Unterricht!“

Ich nickte verhalten.

„Lektion eins: Die Zeit! Steh auf und komm her, damit du nichts verpasst!“

Ich tat, was Bendor von mir verlangte.

„Die Zeit! Du befindest dich, rein physiologisch gesehen, jetzt gerade im Tiefschlaf. Die Zeit vergeht für dich genauso schnell - oder langsam - wie in der anderen Welt. Das heißt, du schläfst fünf Minuten und verbringst gleichzeitig hier fünf Minuten. Vorteile? Nachteile?“

Bendor sah mich an und erwartete wohl eine Antwort.

„Äh, Vorteile,“ ich überlegte, „also, Vorteile.“ Bendor sah mich an.

„Du brauchst nicht lange überlegen. Es gibt keine Vorteile! Nachteile?“

„Naja, wenn ich aufwache, bin ich hier wieder weg?“

„Richtig. Gut erkannt. Das ist das Problem. Und jetzt überleg mal, ob dir irgendeiner deiner Träume einfällt, bei dem die geträumte Zeit länger dauerte als die reale Zeit, sagen wir mal, ein Traum, dessen Inhalt eigentlich über mehrere Tage geht, bei dem du aber in Wirklichkeit nur kurz geschlafen hast.“

Ich überlegte. „Um ehrlich zu sein, mir fällt kein einziger Traum ein.“

Bendor seufzte. „Auch gut, dann werde ich das dir erklären: Wenn du einschläfst, passiert erstmal gar nichts. Nach einiger Zeit trittst du in die so genannte REM-Phase ein. REM ist eine Abkürzung und heißt ‚Rapid Eye Movement’, das bedeutet also, dass deine Augen...“

Ich gähnte. Bendor unterbrach den Monolog, bevor er ihn richtig begonnen hatte.

„Nun, vielleicht musst du das alles gar nicht wissen. Was für dich wichtig ist, ist folgendes: Als junger Hund träumst du einen großen Teil deiner ganze Schlafzeit hindurch. Wenn du dagegen älter wirst, werden deine Traumphasen immer kürzer. Auch wenn du dann nur wenige Minuten träumst, kann es dir vorkommen, als ob du unendlich viel erlebt hättest. Diese Tatsache kannst du dir nun zunutze machen und die Zeit, die du hier verbringst, um ein Vielfaches der Zeit, die du wirklich träumst, verlängern.“

Das interessierte mich nun doch.

Sonntag, 21. März 2010

Die Erinnerung kehrt zurück

Ja, also, was ist denn deine Aufgabe?“

Der Fuchs schaute mich an, als ob er gerade aufgewacht wäre.

Nach einer Weile sagte er: „Bendor schickt mich. Na, schon mal gehört?

Sie kennen das, lieber Leser. Man hört oder sieht etwas, das einem irgendwie bekannt vorkommt. Man nimmt es wie durch einen Nebel wahr oder so, als ob man Wattebäusche in den Ohren hat. Nun, so ging es mir in diesem Moment. Und das in Anwesenheit dieses Kotzbrockens. Ich glotzte ihn an.

„Um ehrlich zu sein: Du bist nicht nur blöd, du bist richtig blöd. Soll man einer draus schlau werden, was die für einen Narren an dir gefressen haben. Sie finden jemanden, geben ihm seine Einführung, er kommt wieder. So geht das Spiel. Kommt er nicht wieder: Pech gehabt. Vergiss ihn. Er war’s nicht wert. Und bei dir? So ein Theater! Zorban hin oder her. Wann kommt er denn endlich? Jetzt wird’s aber Zeit, dass er sich mal wieder blicken lässt.“

Der Name „Zorban“ legte einige Erinnerungsfetzen in meinem Gehirn bloß. Der Fuchs schien das an meinem Gesichtsausdruck zu erkennen.

„Zorban?“

„Ja.“

„Du erinnerst dich?“

„Ein bisschen.“

„Godoan? Speranza? Na, klingelt’s?

Langsam kamen die Erinnerungen wieder. Die Gefangennahme durch die Spinne, das Gespräch mit Bendor in dessen Wohnhöhle, der Marder Godoan mit der angenehmen Stimme.

„Du sollst dich melden. Schleunigst. Am besten gleich beim nächsten Mal einschlafen. Weißt du noch, wie das geht?“

Die Erinnerungen wurden immer deutlicher. Ich nickte.

Mein Zweibeiner stand immer noch an derselben Stelle, an der ich ihn verlassen hatte. Das Schreien hatte er zwischenzeitlich aufgegeben. Ich tat so, als ob ich Gewissensbisse hatte. Er zog ein bisschen an meinem Nackenfell und schüttelte mich, dazu redete er etwas lauter als üblich. Im Grunde war er jedoch, wie ich riechen konnte, überaus erleichtert. Mir war das eigentlich egal, ich war zu sehr mit meinen Erinnerungen beschäftigt. Ich konnte es kaum erwarten, nach Hause zu kommen.

Mittwoch, 17. März 2010

Belehrungen

Nun, ich könnte dir hier einiges erzählen. Ich könnte dir hier zum Beispiel erklären, dass die Domestizierung des Wolfes – ein Tier, das ich zugegebenermaßen nicht besonders mag, das jedoch trotz des Umstandes, dass es sich bei ihm um ein Rudeltier handelt, also um ein Tier, bei dem von Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein nicht die Rede sein kann, immer noch frei und wild war – also, dass die Domestizierung des Wolfes ein Wesen hervorgebracht hat, welches gemessen an allen Tieren, die in der Freiheit leben, und ich rede hier nicht nur von Säugetieren, nein, ich rede auch von niederen Tieren wie Ameisen oder Spinnen, meinetwegen auch von Flöhen oder Läusen, das ärmste und bedauernswerteste Wesen ist, das unsereins sich vorstellen kann.“ Ich konnte ihm nicht folgen, mein Kopf wurde immer heißer. „Siehst du, der Hund ist ein Geschöpf des Menschen. Das gibt es kein zweites Mal. Du könntest einwerfen ‚Was ist mit der Katze? Oder dem Schwein?’, aber das ist natürlich Unsinn. Die Katze lebt ihr Leben. Sie ist mir ähnlicher. Ach, manchmal erschüttert es mich richtig gehend, dass ich eine solch unmögliche Verwandtschaft habe. Ich: ein Hundeartiger. Oder anders herum: Der Hund, der Schakal, der Koyote, der afrikanische Wildhund mit mir verwandt. Meinetwegen noch der Marderhund. Aber was solls! Warum erzähle ich dir das?“ Ich sah ihn begriffsstutzig an. „Das Schwein,“ fuhr er fort, „gezüchtet, um Fleisch zu liefern. Das macht wenigstens noch Sinn. Aber untergeordnet, so wie deinesgleichen, hat sich das Schwein nie. Vielleicht wird es zahm, aber die Ergebenheit, die völlige Aufgabe der eigenen Persönlichkeit wirst du bei einem Schwein nicht finden! Das könnt nur ihr. Schwächlinge!“

Ich mag keine Füchse!!

„Äh, wars das?“

„Wars das. Wars das. Nein, natürlich nicht! Noch lange nicht. Überhaupt nicht. Das wars noch lange nicht. Aber, ist ja auch egal. Warum gebe ich mich mit dir ab? Warum vergeude ich meine Zeit damit, dir etwas über die Geschichte deiner Art zu erzählen? Über die historischen Hintergründe der Domestikation. Über deinen Urahnen. Über unsere gemeinsamen Vorfahren. Über unsere Gemeinsamkeiten und unsere Verschiedenheiten. Warum sollte ich dir Möglichkeiten aufzeigen, wie man trotz einer Prägung auf den Menschen noch ein eingeständiges und selbstverantwortliches Leben führen könnte? Das ist doch gar nicht mein Job. Ich habe doch eine völlig andere Aufgabe. Dich finden, Aufgabe erledigen, wieder abhauen. Das wärs gewesen. Ganz einfach.“

Montag, 15. März 2010

Der Fuchs

Junge, Junge, Junge, mach doch mal deine Augen auf, benutze deinen Geruchssinn. Hier! Hallo!“ Da erkannte ich ihn, das heißt, mein Unterbewusstsein erkannte ihn, ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten und meine Oberlippe nach oben zog, um blendendweiße Zähne freizulegen. Vor mir stand ein Fuchs. „Hör auf mit dem Theater und beruhige dich.“ Ich beobachtete ihn misstrauisch an, während er sich mir gelassen näherte. Ich war bereit, beim ersten Zeichen eines Angriffs auf ihn zuzuspringen, um ihn zu zerfleischen. „Vergiss es. Du bist halbwüchsig, unerfahren, um einiges dümmer als ich und außerdem viel zu langsam.“ Er kam immer näher. Ich bin zugegebenermaßen kein besonders großes Exemplar meiner Art, aber selbst als Junghund überragte ich den Roten, der vor mir stand, um Längen. Ich hatte vorher nie einen Fuchs gesehen, wusste aber jetzt, da er mir so nahe war, dass ich schon oft einen gerochen hatte. Er roch unangenehm, nein, er stank! Er strich um mich herum. Es schien ihm völlig gleichgültig zu sein, dass ich größer war, er verhielt sich, als ob er mindestens ein Bernhardiner wäre.

„Wer bist du?“, fragte ich.

„Ein Lebenszeichen. Es lebt.“ Er roch nicht nur unerträglich, er verhielt sich auch so.

„Wer ich bin? Tut nichts zur Sache. Die richtige Frage wäre eine andere gewesen.“

„Äh, wo kommst du her?“

„Quatsch! Ist doch völlig egal, wo ich her komme“

„Wie heißt du?“

„Geht dich nichts an! Wie wäre es mit ‚Was willst du?’ oder so?“

Ich starrte ihn an.

„Na?“

„Was willst du?“

„Aha!“

Er war ein Kotzbrocken.

„ ?“

„Was denkst du denn?“

„ ?“

Ich war genervt. Heute, im fortgeschrittenen Alter, lasse ich solche Typen einfach stehen. Ich drehe mich um und gehe, gemütlich auf der Erde herumschnüffelnd, meine Verachtung zeigend. Aber: ich war jung. Und er spielte seine Überlegenheit aus. Es machte ihm Spaß, mit mir herumzuspielen wie mit einer Maus. Nein, ich hatte mir meine Meinung über Füchse gebildet. Ich mochte sie nicht!

Sonntag, 14. März 2010

Die Spur

Bendor dachte nach. Ich setzte gerade an, um eine weitere Frage zu stellen, als ich ein starkes Ziehen verspürte. Eine Stimme rief, ich bemerkte, dass etwas an mir rüttelte.„Ja was ist, Kuno? Wach jetzt endlich auf, du Schlafmütze. Spazieren gehen!“ Ich dehnte mich, schüttelte mich und konnte nicht anders, als mein Herrchen erwartungsvoll mit heraushängender Zunge anzusehen. In der nächsten Zeit vergaß ich Speranza, dachte nicht mehr an die Geschichten Bendors. Meine körperliche und geistige Entwicklung nahmen mich voll in Anspruch und ich muss zugeben, dass ich mich äußerst wohl fühlte. Ich hatte einen zweibeinigen Begleiter, der mir gute Dinge zu essen gab, lange Spaziergänge mit mir unternahm und mich vor dem warmen Kamin schlafen ließ. Vermutlich wäre ich nicht mehr zurückgekehrt, wäre mir bei einem Ausflug nicht etwas höchst Sonderbares geschehen. Ich dürfte wohl ein gutes halbes Jahr alt gewesen sein, als ich in einem großen Wald eine Witterung wahrnahm, die mich zwang, alles andere um mich herum zu vergessen und nur noch dieser unglaublich wohlriechenden Spur zu folgen. Es war das erste Mal, dass sich mein Jagdtrieb zeigte. Sicher bin ich vorher allen möglichen Dingen, die sich bewegten, hinterher gerannt, habe versucht, Insekten, Frösche, Mäuse und anderes Kleingetier zu fangen, aber eine richtige Spur hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie aufgenommen. Kurzum, ich verfolgte also diesen Geruch, erkannte, wie er einmal stärker, dann wieder schwächer wurde, einmal verschwunden war, um nach kurzer Suche wieder aufzutauchen. Die Rufe meines menschlichen Begleiters nahm ich nicht mehr bewusst wahr, immer tiefer tauchte ich in das Dickicht ein. Es ist natürlich meiner Unerfahrenheit zuzuschreiben, dass ich das Reh, dessen Geruch ich folgte, nicht zu Gesicht bekam. Als ich nach einiger Zeit eingesehen hatte, dass es keinen Sinn mehr machte, weiterzusuchen, blieb ich stehen, um etwas auszuschnaufen und mich dann auf den Rückweg zu machen. Plötzlich hörte ich eine Stimme: „He!“ Ich sah mich um. „Bist wohl blind, oder?“ Ich musterte meine Umgebung, schaute nach oben, schnüffelte auf dem Boden, witterte in der Luft, versuchte im Unterholz vor mir etwas zu erkennen. Ich verspürte zwar einen unangenehmen Duft, konnte ihn jedoch nicht zuordnen.

Donnerstag, 11. März 2010

Einige Erklärungen

Futtersuchen, jagen, arbeiten oder was weiß ich. Irgendwann später schlafen sie wieder ein und kommen hier an, völlig unkontrolliert an irgendeiner Stelle, ohne Erinnerung an ihren vorherigen Aufenthalt. Einige wenige hingegen können mehr! Du hast es beispielsweise geschafft, ganz bewusst wieder hier anzukommen. Weißt du noch, wie du das gemacht hast?“ „Ich denke schon. Ich habe das getan, was der Mutterhund – was du – mir gesagt hast, den Platz vorstellen und so weiter.“ „Richtig“, sagte Bendor, „und warum hast du das nicht gleich gemacht, beim nächsten Mal einschlafen?“ „Weil“, ich überlegte, „weil ich es vergessen hatte. Ich wusste nichts mehr von diesem Traum. Aber plötzlich ist es mir wieder eingefallen!“

„Mit jedem Mal“, fuhr meine Gegenüber fort, „das du hier warst, wird deine Erinnerung stärker werden. In einiger Zeit wirst du das Leben, das du drüben führst, nur noch als ungewollte Störung deines Lebens hier sehen, die nur dazu dient, deine Grundbedürfnisse zu befriedigen.“

„Und du? Was bist du im richtigen Leben, ich meine drüben?“

„Ich führe kein anderes Leben mehr. Ich halte mich nur noch hier auf.“

„Wie kann das sein?“

„Ich habe einmal in der anderen Welt ein Leben geführt. Auch zu dieser Zeit habe ich mich bereits hier aufgehalten. Irgendwann spürte ich, dass mein irdisches Leben zu Ende geht. Je stärker mein Geist wurde und damit meine Existenz hier, umso schwächer wurde der Körper, an den ich drüben gefesselt war. Irgendwann habe ich mich entschieden, mich von diesen Fesseln zu lösen.“

Ich hätte gerne mehr über dieses Thema gewusst, spürte aber, dass Bendor zögerte. Also wechselte ich das Thema: „ Gibt es auch Menschen hier?“

„Selten,“ antwortete er, „früher spielten sie eine wichtige Rolle, heute trifft man sie fast gar nicht mehr an. Natürlich, sie tauchen noch auf, aber sie verhalten sich hier wie Schlafwandler. Kennen sich nicht aus, wechseln ständig ihren Standort, sie träumen eben unbewusst. Dafür gibt es wohl viele Gründe. Sie schlafen zu wenig, meinen die meisten. Das könnte schon auch ein Grund sein, aber ich denke, es liegt an ihrem Lebensstil. Sie sind zu fest in der anderen Welt verankert, sie haben zu viel Besitz, an den sie sich festklammern, wahrscheinlich denken sie zu wenig nach, ich weiß es nicht.“

Samstag, 6. März 2010

Bendor

Machs dir bequem“, forderte mich der andere auf. Ich sah mich um und entschied mich für eine Wolldecke, die zusammengelegt in einer Nische neben dem Einlass lag. Der große Vierbeiner setzte sich neben mich. „Achtung, erschrick jetzt nicht!“ Mit diesen Worten begann er sich heftig zu schütteln. Er dehnte sich, stellte sich auf zwei Beine, seine Gesichtszüge veränderten sich ebenso wie sein gesamter Körper. Die Schnauze wurde kürzer, die Fangzähne schrumpften, die Ohren wurden kleiner und legten sich an den Kopf an, das Fell schien gleichsam in die Haut eingezogen zu werden, während es an der Oberseite des Kopfes länger wurde. Nach einigen Sekunden stand vor mir kein Hund mehr, sondern ein Mensch. Er lachte mich an. „Ist bequemer so. Als Hund fühle ich mich nicht sehr wohl!“ Mit diesen Worten nahm er einen Stuhl, schob ihn zu mir her, setzte sich darauf, streckte seine Beine aus, verschränkte die Arme und sah mich an. Ich war mittlerweile aufgesprungen. „Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Bendor. Ich habe die Aufgabe, mich in der nächsten Zeit etwas um dich zu kümmern. Ich werde versuchen, dir die wesentlichen Dinge beizubringen, um in dieser Welt zu überleben. Ich werde dir erklären, wie man sich in unserem Dorf verhält und werde dich in die Künste einführen, deren Beherrschung aus einem kleinen Hund ein wichtiges Mitglied unserer Gesellschaft machen.“ Ich schaute ihn verständnislos an. „Was war das eben? Wie hast du das gemacht?“, fragte ich Bendor. „Was, die Verwandlung? Nichts Besonderes. Ich habe mich dazu entschieden, meine Zeit hier als Mensch zu verbringen. Ich könnte eigentlich jede Gestalt annehmen, die du dir vorstellen kannst und darüber hinaus auch noch einige, denen du wahrscheinlich in deinen schlimmsten Alpträumen nicht begegnen möchtest, aber es erleichtert die Sache, wenn sich jeder hier für eine Gestalt entscheidet, in der er sich im Dorf bewegt.“ „Warum willst du gerade ein Mensch sein?“, wollte ich von Bendor wissen. „Nein, nicht Mensch sein,“ entgegnete er. „Ich habe die Gestalt eines Menschen! Weißt du, man muss sich einfach überlegen, was man will. Ich will aufrecht gehen können, damit ich den Überblick draußen behalte, ich bin darauf angewiesen, Sachen zu tun, bei denen Pfoten mir hinderlich wären, Hände sind für meine Tätigkeit einfach praktischer. Dafür muss ich eben damit zurechtkommen, dass ich wesentlich langsamer bin als andere und nicht so fest zubeißen kann. Das braucht man hier, im Schutz des Lagers, nicht so oft.“ „Was ist deine Tätigkeit?“ „Das alles zu erklären, würde jetzt ganz schön lange dauern. Das ist im Moment für dich auch noch nicht so wichtig. Einfach ausgedrückt könnte man sagen, dass ich so etwas wie ein Wissenschaftler, ein Gelehrter oder ein Lehrer bin. Das muss für den Anfang genügen. So, und Fragen kannst du zu einem anderen Zeitpunkt stellen. Ich muss dir einige wichtige Dinge erklären. Du schläfst drüben, in der anderen Welt ein. Wenn du alles richtig machst, kommst du hier an. Du schläfst hier ein und wachst drüben auf. Verstanden?“ „Klar!“ „Gut! Wenn man drüben einschläft, kommt man irgendwo an. Die wenigsten wissen, dass sie ihre Bewegungen und Handlungen in der Traumwelt steuern können. Alle Lebewesen, die in der Lage sind zu träumen, kommen in dieser Welt an. Irgendwo da draußen, vielleicht in den Bergen, vielleicht in den Wäldern, auf dem Wasser oder in der Luft. Sie statten dieser Welt regelmäßig einen Besuch ab, erleben schöne oder schlimme Dinge, bringen sich hier vielleicht in Lebensgefahr und lernen vielleicht die wundervollsten Gefährten kennen, von denen sie sich nie mehr trennen wollen, aber wenn sie aufwachen, ist alles vergessen. Sie tun ihre Erlebnisse als Traum ab, verspüren noch einige Zeit lang ein gutes oder auch schlechtes Gefühl, dann stehen sie auf, strecken sich und gehen ihren Tagesgeschäften nach.

Dienstag, 2. März 2010

Befreiung

Zabaia! ZABAIA“, schrie ich. Das Monster hielt inne. „GODOAN.“ Es machte einige Schritte zurück. „Zabaia, hä? Godoan, hä? Und, weiter, hä?“ „Zabaia hat mich gefunden, im Wald, vor einigen Tagen. Sie hat mich auf einem Pfad hierher gebracht. An zwei Wächtern vorbei. Godoan, ein Marder, hat mich angeschaut. ‚Na gut’ hat er gesagt. Mehr gibt es nicht.“ Ich schluchzte. „So, hä? Traurig. Kein Beinchen, hä? Kein Öhrchen. Traurig, hä? Losmachen!“ Langsam lösten sich meine Fesseln. „Hinsetzen. Hier. Nicht bewegen, hä? Warten!“ Mit diesen Worten entfernte sich das achtbeinige Ungeheuer wieder in das Innere der Höhle. Ich saß im Dunkeln und wartete. Wieder hörte ich Schritte, diesmal aus der anderen Richtung. Diesmal waren es leise Schritte. Sie kamen mir vertraut vor. Dies musste ein Hund sein. „So, so, der kleine Zorban.“ Ich kannte diese Stimme. Der Mutterhund. „Du hast also zurückgefunden. Gut! Warst vielleicht etwas neugierig und hast gleich in Speranzas Höhle herumgeschnüffelt. Aber du hast es geschafft. Das ist gut. Das ist sehr gut. So, jetzt steh auf und komm mit.“ Ich folgte ihm, hinaus aus der Wohnung der Spinne auf den mittlerweile sonnenbeschienenen Dorfplatz. An einigen schlaftrunkenen Wesen vorbei führte er mich zu einer Höhe am anderen Ende der Lichtung. Vorsichtig folgte ich ihm hinein. Zu Beginn bot sich mir ein ähnliches Bild wie vorher. Ein enger, dunkler Gang führte zu einer Art Tor. Vorsichtig folgte ich dem großen Hund. Langsam setzte ich einen Fuß vor den anderen, in Erwartung einer weiteren unangenehmen Überraschung. Doch diesmal geschah nichts. Nachdem wir den Tunnel durchquert hatten, fand ich mich in einem hellen, lichtdurchfluteten, nahezu leerem Raum wieder. Hier und da lagen einige Decken. In der Mitte stand ein Tisch aus grob behauenem Holz und zwei ebensolche Stühle. Am Ende des Zimmers bemerkte ich eine verschlossene Holztüre.

Montag, 1. März 2010

Die Spinne

Ich erwachte, streckte mich und sah mich um. Ich stand auf der gleichen Stelle, die ich einige Zeit vorher verlassen hatte. Im Gegensatz dazu waren an diesem Tag jedoch keine Wesen zu erkennen, es herrschte auch kein Tag, es ging offensichtlich gerade die Sonne auf. Die Lichtung erschien mir um einiges größer als zuvor. Vorsichtig setzte ich mich in Bewegung, um das Lager zu erforschen. Ich schlich am Rand entlang und bewegte mich schnüffelnd auf die erste Höhlenöffnung zu. Als ich sie erreichte, wagte ich einen Blick hinein. Da ich nichts erkennen konnte und mir auch kein besonderer Geruch auffiel, tastete ich mich an der Wand entlang. Nach wenigen Metern bemerkte ich, dass sich die Höhle verengte. Ebenso, wie der Eingang zum Dorf aus einem engen Felsendurchlass bestand, schien in dieser Höhle ein schmaler Tunnel zu sein, der den Durchgang zu einem weiteren Raum bildete. Ich setzte leise einen Fuß hinein. Unter meinen Zehen spürte ich eine langsame, schleichende Bewegung. Erschrocken wollte ich den Fuß zurückziehen, dies gelang mir jedoch nicht, da sich um ihn eine Schlinge gebildet hatte, die mich in den dahinter liegenden Raum zog. Sobald mein zweites Bein im Felsdurchlass war, wurde auch dieses umwickelt. Auf diese Weise war bald mein ganzer Körper eingebunden. Die Seile, die mich hielten, bewegten sich immer leicht, mal verstärkte sich der Zug, mal wurde er wieder etwas lockerer. Schließlich spürte ich, wie ich in die Höhe gehoben wurde, bis ich dicht unter der Decke der Höhle hing. Nach einiger Zeit hörte ich ein leises Zischen, das sich meinem Ohr näherte. Als es ganz nah war, spürte ich eine Berührung in meiner Ohrmuschel. Die gezischten Laute waren nun als Worte vernehmbar: „Sssssssag miiiiiiääää daaaaaainen Nnaaaaamäään, doouuu klaaaiinnnessssssss miessssssses Rattttttzenviäääää!“ Ich hatte das Gefühl, als ob die Ranke sich tief in meinem Gehörgang festgesetzt hätte. Jedes Wort fügte mir Schmerzen zu. „Zorban“, keuchte ich. „Tssssssssoabaaaaan.Ts ts ts ts ts ts sss. Daassss kommtt miääää bekannttts voäääää.“ Hätte ich mich bewegen können, ich hätte mich vor Schmerzen gewunden. Glücklicherweise gab die Ranke nun keinen Laut mehr von sich. Langsam zog sie sich aus meinem Gehörgang zurück. Einige Zeit lang geschah nichts, bis ich aus dem Inneren der Höhle Schritte vernahm. Dem Geräusch nach zu urteilen, mussten viele Wesen angerannt kommen. Als die Schritte ganz nahe waren, stoppten sie. Es wurde plötzlich hell und ich sah eine gewaltige Spinne vor mir stehen, die ein Bein hoch gestreckt hielt, mit dem sie eine Lichtquelle festhielt. „Zorban, hä?“, spuckte sie mir entgegen. „Das kleine Hundevieh. Der Retter, hä? Lass ihn runter! Aber noch nicht losmachen!“ Ich fiel unsanft nach unten und blieb auf dem Rücken liegen. Die Spinne stand über mir, Speichel floss ihr aus dem Maul. Ich konnte zwei Zangen daran erkennen, die ständig in Bewegung waren. Mit einem ihrer haarigen Beine trat sie mir auf den Bauch. „Beweise, hä? Hast du Beweise? Vielleicht willst du dich bloß rausreden, hä? Willst verhindern, dass ich dich einspinne, mit meinem Stachel vorsichtig betäube, nur ein bisschen, hä? Damit du dich nicht bewegen kannst, aber alles mitkriegst, hä? Mitkriegst, wie ich ein Stück von dir herausbeiße, hä? Vielleicht hier, hä?“ Sie kam meinem Schwanz bedenklich nahe. Ihre Zangen klappten auf und zu. „Also? Beweise. Los!“ Ich fand meine Stimme wieder. „Ich weiß nicht. Wie soll ich es beweisen?“ „Wie, hä? Kannst nicht beweisen, hä?“ Ich lag mittlerweile in einer Speichelpfütze und spürte, wie die Spinne immer erregter wurde. „Oder hier vielleicht, hä? Kleines, leckeres Beinchen, hä? Aber erst der Stachel, erst der Stachel, hä?“ Die Spinne bewegte sich nach vorne, der mittlerweile auf dem Boden liegende Lichtstab beleuchtete ihren Stachel. „Nur ein bisschen, hä? Einfach mal reinpieksen. Mal was Leckeres, hä? Hier das Beinchen. Leckere Öhrchen. Fleisch, hä? Babyspeck, lecker, hä?“ So schnell sollte es vorbei sein? Ich überlegte fieberhaft. Was wusste ich noch?