Sonntag, 28. Februar 2010

Zuhause

Verehrter Leser, Sie wundern sich jetzt und Sie haben recht! Warum sollte ich an diese Stelle, wo ich ständig Angst hatte, wo eigentlich jeder unfreundlich war, wo ich so ganz anders behandelt wurde, als ich es bis zu diesem Zeitpunkt in dieser Welt hier gewohnt war, ja, warum sollte ich hierher zurückkehren wollen? Ich mache mir darüber bis zum heutigen Tag immer wieder Gedanken. Eigentlich will man ja einen Alptraum – und ein solcher war es im Wesentlichen – vermeiden. Aber offensichtlich war da irgend etwas, was mir vertraut war, wonach ich mich in meinem Innersten gesehnt habe. War es Zabaia? Eine zwar strenge, aber mütterliche Hündin? Oder war es dieser andere Hund, der behauptete, in dieser Gestalt aufzutreten, damit ich keine Angst habe? Ich weiß es nicht genau! Nachdem ich aufgewacht war, hatte ich ein äußerst ungutes Gefühl. Mir ging es wie nach einem sehr schlechten Traum. Ich schüttelte mich, versuchte den Traum zu vergessen, suchte mir eine Stelle neben dem Bett und setzte mich, um einem sehr dringenden Bedürfnis, das ich schon im Traum verspürt hatte, nachzugeben. Das Gezeter meines Herrchens, der mich sofort aufnahm und in den Garten trug, ließ ich ruhig über mich ergehen. Anschließend wurde ich mit einer leckeren Dosenmahlzeit versorgt und musste dann meinen Zweibeiner auf seinem Morgenspaziergang begleiten, was mich sehr anstrengte. Wieder zu Hause angekommen, wurde ich müde. Mir fielen die Augen zu, ich schlief ein und - nichts passierte, was verständlich war, da ich ja nicht das tat, was mir der Hund, der mich an meine Mutter erinnerte, einzuprägen versuchte. Wäre es dabei geblieben, wäre ich nicht Zorban, sondern einfach nur Kuno und befände mich heute noch auf einer Stufe mit vielen meiner Artgenossen und – ich will Sie jetzt natürlich nicht beleidigen, aber es ist nun einmal so – den meisten Menschen. Ich wäre ein Lebewesen, das frisst, schläft, hin und wieder seinen Geschlechtstrieb befriedigt und etwas Sozialkontakte pflegt. Und wäre es dabei geblieben, dann würden Sie nicht dieses Buch lesen, sehr wahrscheinlich würde überhaupt niemand noch irgendein Buch lesen und – aber dazu komme ich noch, denn nach einigen Tagen des Dahinlebens habe ich mich erinnert. Fragen Sie mich nicht wie es dazu kam, vermutlich hatte ich eine Assoziation - ein Geruch, ein ähnlicher Hund - ich weiß es nicht. Ich sah plötzlich wieder alles klar vor Augen: Zabaia, den Mutterhund, den Marder, das Felsentor und ich war müde, ich hatte es mir gerade auf einem angenehmen Platz im Garten bequem gemacht, mir fielen die Augen zu und ich rief mir alle Erinnerungen zurück. So landete ich zum zweiten Mal im Dorf der Vielwesen.

Samstag, 27. Februar 2010

Der Mutterhund

Ich werde dir zeigen, wie du immer, wenn du einschläfst, sicherstellst, dass du hier, in unserem Lager, landest. Und das musst du verstanden haben, bevor du aufwachst, sonst geht nämlich die ganze Sucherei wieder von vorne los. Verstanden, Zorban?“ Ich glotzte verständnislos. „ZORBAN!“ Ich reagierte, weniger wegen des Namens als wegen der Lautstärke, die mich aus meiner Erstarrung riss. „Na gut, taub bis du schon mal nicht. Also, jetzt sieh dich um. Was siehst du?“ Ich wusste nicht, was der Mutterhund mit der tiefen Stimme von mir wollte. Ich sah nämlich herzlich wenig. Hätte er mich wenige Augenblicke zuvor gefragt, hätte ich ihm die Bäume beschreiben können, ich hätte ihm die Büsche oder das Aussehen des Felsentores schildern können. Hier jedoch, in dieser Siedlung konnte ich außer den merkwürdigsten Geschöpfen wenig sehen. Also antwortete ich: „Komische Tiere!“ Der Hund verdrehte die Augen und schaute zu Zabaia. „Nein, der Platz. Beschreibe mir den Platz. Es ist wichtig! Beeil dich!“ „Graue Felsen mit großen Löchern drin. Sand!?“ „Gut, schon besser. Sieh nach vorne. Was siehst du hier? In der Mitte des Platzes.“ „Ein, äh, ein großer Felsen?“ „Ja“, antwortete er zögerlich, „genauer! Beschreibe, was du siehst!“ „Ein, also, ein grauer Felsen, der viel höher ist als ein großer Hund. Auf ihm wachsen grüne, äh, Dinger.“ „Gut!“ Mein Gegenüber wirkte schon etwas beruhigter. „Die Dinger, das sind Pflanzen, Moose und Flechten. Mach jetzt deine Augen zu und stelle dir den Felsen vor. Siehst du ihn?“ „Ich tat, was der Alte von mir verlangt hatte und sah den großen Stein. „In Ordnung. Und jetzt der Geruch. Lass die Augen zu und atme tief ein. Was riechst du?“ Ich beschrieb ihm, was ich roch.

Darauf gehe ich allerdings hier nicht näher ein, denn mit Ihrem unterentwickelten Riechorgan können Sie mit meinen Ausführungen nur sehr wenig anfangen.

Er schien damit zufrieden zu sein, denn er bemerkte: „Einverstanden! Kannst du dir alles vorstellen?“ Ich nickte. „Jetzt hör gut zu, die Sache ist ganz einfach: Immer wenn du müde wirst, stellst du dir diesen Geruch und dieses Bild, das du jetzt vor Augen hast, vor! Aber nicht nur ein bisschen, sondern sehr, sehr intensiv. Gleichzeitig musst du den unbedingten Wunsch verspüren, hierher zu wollen. Wenn du alles richtig machst, schläfst du ein und landest hier. An genau dieser Stelle. Verstanden?“ Er stieß mich mit der Schnauze an. Ich nickte. „Gut, dann bis zum nächsten Mal. Verschwinde jetzt.“

Freitag, 26. Februar 2010

Viele Fragen

Ja, ja, lieber Leser, Sie fragen sich natürlich, wie es jetzt weiter ging. An meiner Stelle hätten Sie jetzt natürlich einige bedeutende Fragen gestellt. „Was soll das Gequatsche von wegen ‚Er ist es’? Warum gibt es Wesen in den unterschiedlichsten Gestalten? Wieso sind die Pflanzen in dem Wald so groß? Wer ist Zabaia?“ Ich verstehe Sie! Das denkt man sich, wenn man ein Buch (Anmerkung des Ghostwriters: Zorban scheint ein Büchernarr zu sein. Er gibt vor, gerne und gut zu lesen und trägt sich tatsächlich mit dem Gedanken, aus diesen "Erinnerungen" ein Buch zusammenzustellen) liest! Bitte, schauen Sie nicht so, mit diesem „was weiß denn ein Hund schon von Büchern“-Blick. Ich weiß genug – nein – ich weiß fast alles von Büchern. Natürlich nicht aus dem erbärmlichen Leben, das ich hier, in Ihrer Welt führe. Nein, hier kommt es vielleicht einmal vor, dass ich vor dem Kamin liege und meinen Versorger eine Zeit lang beim Lesen beobachte, bevor ich in die richtige Welt hinüberschlummere. Was ich kann und weiß, habe ich in dieser, meiner Welt erfahren. Und zwar – aber nein – ich würde Sie nur verwirren, wenn ich jetzt weitererzählen würde, ich muss mich an die Reihenfolge halten!

Zurück zu den Fragen, die ich alle hätte stellen sollen. Natürlich habe ich das nicht getan und dies aus zwei Gründen. Erstens: Wie alt war ich denn? Acht Wochen! Ein Welpe – ein Baby, wie Sie sagen würden. In Menschenalter ausgedrückt irgendwo zwischen dem ersten und dem zweiten Lebensjahr. Noch nicht lange der Mutterbrust entwöhnt, gerade einmal dazu in der Lage, die einfachsten Gesten und Laute zu deuten und von mir zu geben. Ich konnte mich wundern und ich konnte Angst haben. Damit wären wir auch schon beim zweiten Grund: Ich hatte bis zu dem Zeitpunkt, als Godoan sich zurückzog, Angst gehabt. Und wenn ich Angst sage, dann meine ich Angst. Blanke Überlebensangst. Eine Angst, wie sie nur die wenigsten Menschen je kennen lernen. Ich war mir seit dem Eintritt in das Dorf sehr sicher, dass ich nur noch kurze Zeit überleben würde. Und auch nach der Sache mit Godoan wusste ich nicht so recht, ob ich denn beruhigt aufatmen könnte. „So junger Mann, jetzt mal gut zugehört,“ sprach mich eine tiefe Stimme an. Es war ein Hund, um genau zu sein, ein Hund, der mir sehr bekannt vorkam. „Nein, ich bin nicht deine Mutter, wäre auch ziemlich komisch, mit dieser Stimme. Aber ich habe der Einfachheit halber und damit du dich mal etwas entspannst, ihre Gestalt angenommen. Also aufgepasst, wie ich heiße und so weiter, das tut jetzt alles nichts zur Sache. Es muss jetzt vor allem erst einmal sehr, sehr schnell gehen.

Donnerstag, 25. Februar 2010

Godoan

Direkt vor uns bildete sich eine Gasse, durch die ein Marder, der die Größe eines Wolfes hatte, sich in der für seine Art typischen Weise auf uns zu bewegte. Mit nach unten gesenktem Kopf ging er witternd an der Hündin, in deren Schutz ich mich bisher so sicher gefühlt hatte, vorbei und geradewegs auf mich zu. Der riesige Marder beugte sich über mich und roch an meinem Körper. Er kam mir ganz nahe und sah mir ins Gesicht, wobei er sein Maul immer leicht geöffnet hielt. Ich konnte seine dolchartigen Reißzähne, seine braune Nase mit den schwarzen Schnurrbarthaaren, die braunschwarzen Knopfaugen und die runden Ohren erkennen. Ich nahm die scharfe Ausdünstung wahr, die von ihm ausging. Endlich schien er genug von mir zu haben und wandte sich an meine Begleiterin. „Was soll das, Zabaia? Was bringst du uns da mit?“, schnurrte er mit einer samtig weichen tiefen Stimme. Alle Angst, die ich bisher hatte, verschwand, sobald ich diese Stimme, von der so viel Ruhe und Überlegenheit ausging, vernahm. „Er ist es, Godoan! Das ist Zorban.“, entgegnete die Hündin. „Zorban?“ Godoan machte eine lange Pause und betrachtete mich. „ Bist du Zorban?“ Er schien auf eine Antwort zu warten. Ich jedoch sah mich nicht in der Lage zu reden und konnte daher nur meine Augenbrauen fragend in die Höhe ziehen. Der Riesenmarder wartete wieder ab. Schließlich meinte er: „Nun, wir werden sehen.“ Mit einem Schlag löste sich die Anspannung in der Menge. Godoan entfernte sich. Die meisten Geschöpfe nahmen die Arbeit, mit der sie vorher beschäftigt waren, wieder auf, einige jedoch kamen auf uns zu. Zabaia schüttelte sich und setzte sich neben mich.

Mittwoch, 24. Februar 2010

Ankunft im Dorf

Sie waren etwas kleiner als die Hündin, die mir vorauseilte, hatten jedoch gewaltige Brustkörbe. Ihre Fangzähne waren wesentlich größer als die gewöhnlicher Hunde. Ihr Fell war von einer undefinierbaren Färbung, in der alle Farben des Waldes enthalten zu sein schienen„Was hast du dabei, Zabaia?“ „Ich habe ihn gefunden.“ Die beiden begutachteten mich. „Das soll er sein? Er wirkt sehr unscheinbar.“ „Zabaia knurrte: „Was wollt ihr? Euch in meine Aufgaben einmischen? Lasst mich durch! Kümmert euch um eueren Dienst.“ Langsam und lautlos zogen die beiden sich zurück. Nach wenigen Sekunden waren sie wieder völlig mit dem sie umgebenden Blattwerk verschmolzen. Nur kurze Zeit später kamen wir zu einem hohen Felsen, der einen torähnlichen, etwa menschenhohen Eingang hatte.Ich bemerkte die Anspannung, die von Zabaia Besitz ergriffen hatte. Mit gesträubtem Nackenfell durchquerte sie den Einlass. Ich schlich ängstlich hinter ihr drein. Nach einigen Schritten kamen wir auf eine Lichtung. Meine Führerin blieb sofort stehen und sah sich witternd um. Ich setzte mich hinter sie und blickte vorsichtig um mich. Was ich nun sah, überraschte mich mehr als alles andere, das ich in diesem Traum erlebt hatte. Wie selbstverständlich hatte ich erwartet, auch hier nur auf Hunde zu treffen. Doch die Wesen, die ich vorfand, waren nur zum Teil hundeähnlich. Ich konnte andere Vierbeiner erkennen, die die Gestalt von großen Wieseln hatten, ich erblickte katzen- und vogelähnliche Lebewesen, ich sah große Säugetiere, die ich nicht kannte und ich erspähte auch Kreaturen, die sich auf zwei Beinen fortbewegten und Ähnlichkeit mit Menschen hatten. Die rege Geschäftigkeit, die noch bei unserem Eintritt geherrscht hatte, erstarrte langsam. Immer mehr der Geschöpfe beendeten ihre Tätigkeit und sahen zu uns. Einige bewegten sich schnüffelnd auf uns zu. Langsam bildete sich ein Halbkreis um uns. Es war totenstill. Man hätte einen Floh springen hören. Plötzlich kam Bewegung in die Menge.

Dienstag, 23. Februar 2010

Ein ungeheuerlicher Wald

Was war das?“, fragte ich leise. Nach einigen Augenblicken antwortete sie: „Das erkläre ich dir später! Folge mir jetzt – leise!“ Während ich der geschmeidigen Hundedame hinterher stolperte, kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Alles, was ich hier entdeckte, hatte so gar nichts mit der Welt zu tun, die ich bisher kennen gelernt hatte. Bäume, wie sie mir bis zu diesem Zeitpunkt bekannt waren, erschienen winzig neben den Baumungeheuern, in deren Schatten wir uns bewegten. Blumen, Büsche und Pflanzen dagegen hatten die Größe von 100-jährigen Eichen in unserer Welt. Allerlei Kleingetier krabbelte zwischen unseren Füßen, Vögel flogen in den Büschen, Tiere sprangen zwischen Zweigen hin und her, alles begleitet von einem immer wieder anschwellenden Gekreische und Geschreie. Wäre meine Begleiterin nicht gewesen, ich hätte mir einen Platz in einer großen Wurzel gesucht und wäre wimmernd gestorben. Nach einer geraumen Zeit erkannte ich, dass wir nicht mehr durch das Unterholz stolperten, sondern uns auf einer Art Pfad fortbewegten. Ein Pfad freilich, der für ein menschliches Auge nicht erkennbar gewesen wäre, sondern mehr aus Gerüchen bestand, die mir anzeigten, dass sich hier regelmäßig Lebewesen fortbewegten. Unvermittelt hielt die große Hündin an und drehte sich zu mir um. „Wir werden in kurzer Zeit zu unserem Lager kommen. Du redest nicht, wenn du nicht gefragt wirst, du tust nur das, was ich dir sage, du bleibst immer genau hinter mir. Hältst du dich nicht an meine Anweisungen, könnte dein Leben in dieser Welt bereits heute vorbei sein.“ Damit drehte sie sich um und ging vorwärts. Erschöpft und verängstigt versuchte ich mit ihr Schritt zu halten. Der Pfad wurde immer breiter und nahm langsam die Ausmaße eines Waldweges an. Die Bäume wurden niedriger und standen nicht mehr so dicht wie bisher. Schattige Stellen wechselten sich immer häufiger mit sonnenbeschienenen ab. Plötzlich sprangen zwei hundeähnliche Wesen zu beiden Seiten des Pfades hervor und stellten sich uns in den Weg.

Montag, 22. Februar 2010

Wie ich von meinem Namen erfuhr

Hallo“, rufen Sie, „nicht einschlafen, da ist noch etwas offen. Was ist mit der Geschichte von der Rettung der Welt?“ Keine Angst, ich bin noch wach. Etwas Geduld, ich muss überlegen, wie ich anfange, damit auch Sie mich verstehen können. Es bedurfte übrigens großer Überwindung, diesen Schritt an die Öffentlichkeit zu tun. Meine Artgenossen wollten mich abhalten, vermutlich werden sie mich ganz gegen ihre Natur zerfleischen, während Sie dieses Buch in Händen halten. Warum, das werden Sie später verstehen. Doch lassen Sie uns von vorne beginnen. Vielleicht ist es sinnvoll, wenn ich Ihnen erst einmal meine Welt erkläre. Nein, vorher nenne ich Ihnen noch meinen Namen. „Den kenne ich schon“, entgegnen Sie, „du erwähntest bereits, dass du Kuno heißt.“ „KUNO“, so nennt mich mein zweibeiniger Gassiführer, seinen wahren Namen erhält ein Hund jedoch in der Schlafwelt, so ungefähr im Alter von acht Wochen, wenn er die ersten aktiven Träume hat. Gerne erzähle ich, wie das bei mir war und hoffe gleichzeitig, dass Sie mir die Sentimentalität, die in den kommenden Zeilen mitschwingt, verzeihen werden. Wie gesagt, ich dürfte um die acht Wochen gewesen sein. Ich wurde gerade von meiner leiblichen Mutter und meinen Nestgeschwistern, mit denen ich eine überaus sorgenfreie Kinderzeit auf einem Bauernhof verbringen durfte, getrennt und verbrachte die ersten Nächte neben dem Bett meines Zweibeiners, als ich im mich im Schlaf plötzlich in einem dichten Wald befand. Sicher dachte ich mir nichts Besonderes dabei, ich hatte durchaus auch schon vorher intensive Traumerlebnisse.
Nun, ich war im dichten Unterholz und nahm wahr, dass ich mich hinter einer großen Fichte versteckte. Plötzlich wurde ich vorsichtig von hinten angestoßen. „ZORBAN“, vernahm ich eine sanfte Stimme, „hier bist du ja.“ Freudig drehte ich mich um und sah eine sehr große Hundedame, die hinter mir stand. Ich wollte gerade antworten, als sich ihr Blick auf etwas hinter mir richtete und sich ihre Gesichtszüge verhärteten. „Ruhig“, flüsterte sie, „wart ab.“ Ich sah wieder nach vorne und konnte ein überaus merkwürdiges Wesen erkennen. Es sah aus wie eine Mischung aus einem Wildschwein und einem Dachs. Der Kopf war mit zwei riesigen Hauern besetzt, die aus einem unansehnlichen Maul herausragten. Seine Beine jedoch waren kurz, der Körper war ähnlich dem eines Dachses schwarzweiß gestreift und es bewegte sich schnüffelnd und kriechend, immer wieder laute Schmatzgeräusche von sich gebend, durch das Unterholz. Nachdem das Wesen aus meinem Blickfeld verschwunden war, drehte ich mich vorsichtig um. Inständig hoffte ich, dass die große Hündin noch da wäre. Ich konnte sie nicht gleich sehen, da sie sich etwas zurückgezogen hatte, und durch ihre Färbung fast übergangslos mit den sie umgebenden Zweigen, Ästen und Blättern verschmolzen war.

Sonntag, 21. Februar 2010

Warum schlafen Hunde so viel?

Aber ich verliere den Faden. Wo war ich stehen geblieben? Ah, ja, die Welt retten; im Schlaf. Vielleicht haben Sie unsereins schon einmal beim Schlafen beobachtet. Vielleicht konnten Sie sehen, was wir da tun. Wir knurren, wir fiepen, wir winseln, wir rennen, wir knurpsen, wir schlecken, kurz, wir machen all das, was wir auch im wachen Zustand tun, nur mit geschlossenen Augen. Das ist das, was Sie sehen. Vielleicht hat Ihnen irgendein kluger Mensch auch die Erklärung geliefert: „Sieh mal, jetzt jagt er ein Reh im Traum, jetzt träumt er schlecht.“ Stimmt. Zumindest ansatzweise. Wir tun das alles. Aber wir tun das nicht im Traum. Wir erleben das. Wir befinden uns in einer anderen Welt. „Natürlich“, höre ich Sie dazwischenreden, „träum nur weiter, das ist doch totaler Quatsch!“ Für mich ist das natürlich nur ein Zeichen Ihrer bedauernswerten Eingeschränktheit, aber ich erkläre es Ihnen gerne. Haben Sie sich noch nicht gewundert, warum wir so viel schlafen und so wenig wach sind? Bis zu zwanzig Stunden am Tag, so haben es Ihre Wissenschaftler herausgefunden, verschläft der Hund am Tag. Im Übrigen stehen ihm alle Katzenartigen und noch einige andere Säugetiere in der Schlafdauer in nichts nach. Wie erklären Sie sich das? Denken Sie, wir sind so müde? Das ist Unsinn. Unser Leben spielt sich im Schlaf ab! Wir sind nur wach, um zu fressen, uns zu entleeren, uns fortzupflanzen und um uns über unsere Erlebnisse im Schlaf auszutauschen! Aus diesem Grund und allein aus diesem Grund haben sich unsere Vorfahren Ihren Vorfahren angeschlossen. Weil das der bequemste Weg war. Nirgendwo sonst werden wir für so wenig Leistung so gut entlohnt. Wir mussten nur da sein, bei Gefahr Lärm machen, das Gestreichele der Kinder über uns ergehen lassen und dafür bekamen wir Essensreste, die uns genügten und durften am warmen Feuer liegen und uns in unsere Welt schlafen. So einfach ist das. Und so halte ich das auch. Und weil ich klug bin, mache ich die Spielchen meines zweibeinigen Futterversorgers nicht mit. Würde ich das nämlich tun, würde er mich immer öfter nerven, ich käme zu weniger Schlaf und würde weniger erleben.

Samstag, 20. Februar 2010

Anmerkungen des Ghostwriters

Anmerkungen des Ghostwriters:
Lieber Leser, ich nutze gerade die Möglichkeit, dass Zorban sich zu einem Nickerchen hingelegt hat, um Ihnen einige grundlegende Dinge zu erläutern:
1. Ich versichere Ihnen, ich würde das nicht tun, wenn ich nicht müsste! Akuter Geldmangel, Hunger und eine vielköpfige Familie zwingen mich zu dieser erniedrigenden Arbeit.
2. Ich mag diesen Hund nicht! Er ist arrogant, leidet an maßloser Selbstüberschätzung und jeder Tag, den ich mit ihm verbringen muss - und das sind zur Zeit viele - ist eine endlose Quälerei!

Doch nun komme ich schnell zur Klärung einiger Fragen, bevor Zorban aufwacht und mich quält, Zeile um Zeile in den Computer zu hacken, nur um sie dann wieder zu löschen und in einer völlig neuen Version wieder einzugeben.
Warum braucht Zorban einen Ghostwriter?
Zorban behauptet schreiben und lesen zu können, warum und wie, das darf ich Ihnen an dieser Stelle noch nicht verraten. Wüste Anschuldigungen und wahrscheinlich auch rechtliche Konsequenzen wären wahrscheinlich die Folge. Aber: Er kennt sich mit den sogenannten neuen Medien nicht aus. Die meisten Leute, die das von sich behaupten, geben auf Nachfrage zu, den PC gerade mal einschalten zu können, Dinge auf eBay suchen zu können und dergleichen mehr. Doch Zorban kann nicht einmal das. Er findet nicht den Knopf zum Einschalten und - nur deswegen kann ich das jetzt schreiben - seine Augen können mit diesem "zweidimensionalen Geflimmere", wie er es nennt, nichts anfangen. (Ich habe da so meine Zweifel...). Er empfindet darüber hinaus eine große Abscheu vor allem, was eine Steckdose braucht, um zu funktionieren.
Warum dann ein Blog?
Zorban ist der Meinung, dass seine Geschichte schnell unter die Leute muss und da ist das Internet nun mal die am besten geeignete Methode.
Um was geht es in dieser Geschichte?
Zorban behauptet, die Welt gerettet zu haben. Wenn Sie mich fragen: Völlig unglaubwürdig! Fantastereien eines überdrehten Hundes! Wobei natürlich einige Indizien durchaus dafür sprechen, dass an der Geschichte etwas dran ist. Aber dazu später, ich muss schnell machen, das Tier wacht auf!
Er träumt sich offensichtlich in eine Welt, in der merkwürdige Dinge vor sich gehen und er eine bedeutende Rolle spielt. Beweise dafür gibts keine. So, jetzt endgültig, er streckt sich schon, ich muss aufhören, verspreche Ihnen aber, mich an geeigneter Stelle wieder zu Wort zu melden.

Andernfalls werde ich dich selbstverständlich töten und mich an deinen Eingeweiden laben.“ (Natürlich würde das keiner von uns je tun, das verhindert unser Ehrenkodex, ihre uns erforschenden Artgenossen nennen das „Beißhemmung“ – völliger Quatsch). So, jetzt ist es langsam so weit. Man wartet, ob der Andere es zum Äußersten kommen lassen wird. Ist man ungefähr gleich groß und gleich stark, kann es noch eine ganze Zeit lang so weiter gehen. Meist werden die Beleidigungen langsam abgeschwächt („für einen Zwergdackel hältst du dich ganz gut“), das Fell legt sich, man beruhigt sich, wird vielleicht sogar gut Freund („nerven dich deine ‚Herrchen’ auch so“, riechst du das Kaninchen, dürfte vor zwei Stunden und elf Minuten hier vorbeigelaufen sein“) und geht seiner Wege. Ist man noch jung, spielt man vielleicht noch zwei, drei Spielchen und freut sich aufs nächste Mal. In einigen Fällen jedoch gehen die Drohungen weiter und dann kommt es: „Du, äh, du, also du MENSCH!“ Sehr sicher kommt es dann zu tätlichen Auseinandersetzungen, man tut sich etwas weh, irgendwann ergibt sich der Andere, bleibt etwas auf dem Rücken liegen und zeigt mir seine Kehle, dabei sagt er, dass alles gut sei, er es wirklich nicht so gemeint habe, leckt ein bisschen mit der Zunge über seine Lippen, winselt vielleicht und wenn ich dann überzeugt bin, dass er es ernst meint, gehe ich weiter. Nicht, dass mir das Spaß macht, schätzen Sie mich bitte nicht so ein. Doch was geklärt werden muss ... und so weiter. Ah, natürlich, ich bitte Sie, das nicht falsch zu verstehen. „Mensch“, dieses Schimpfwort hat sich erst mit der Zeit herausgebildet. Unsere wild lebenden Vorfahren hatten das nicht nötig. Ob Mensch, Hyäne oder Geier, da gab es wenig Unterschiede. Sie waren halt da, zu wenig nütze, manchmal hat man sich über sie geärgert, weil sie Futter früher entdeckt haben, größere Gebisse oder Speere hatten. Den einen konnte man leichter vertreiben, den anderen eben etwas schwerer, beim nächsten musste man abwarten, bis er satt war. Kurz, man hatte keine besondere Beziehung zu diesen sich merkwürdig auf den Hinterläufen fortbewegenden Wesen. Ja aber, höre ich Sie dazwischenrufen, warum denn dann der Begriff „Mensch“ als Schimpfwort? Ich muss zugeben, ich weiß es nicht! Oft schon habe ich mir den Kopf zerbrochen. Aber ich kann Ihnen diese Frage nicht beantworten. Ich kann Ihnen jedoch die Gegenfrage stellen: Warum sagen Sie beispielsweise „Du blöder Hund“? Bitte, erklären Sie es mir! Sehen Sie, es fällt Ihnen schwer. Bemühen Sie sich nicht, ich kenne jede Antwort. Keine ist schlüssig, keine ergibt wirklich einen Sinn!

Freitag, 19. Februar 2010

"Menschen!"

So, nun werden Sie sich fragen, warum dann diese Zeilen, die doch eindeutig belegen, dass es sich bei mir um ein kluges Exemplar meiner Gattung handelt. Die Antwort, lieber Leser, ist ganz einfach: Es handelt sich um eine Ausnahmesituation. Ich musste, um es einfach und für Sie verständlich auszudrücken, die Welt retten. Ja, ja, ich höre schon Ihren Ausruf und spüre Ihre Neigung, das Buch, das Sie gerade noch in Händen halten, beiseite zu legen oder es in das nächste Eck zu werfen. „Dieses arrogante Stück Hund, hält sich wohl für etwas Besonderes. Größenwahnsinniger Drecksköter!“. Aber natürlich, ihre Meinung sei Ihnen unbenommen, doch ich darf Sie um etwas Geduld bitten. Sie werden bald feststellen, dass es sich nicht um Selbstüberschätzung handelt, sondern dass meine Aussage noch eher bescheiden war. „Na gut“, entgegnen Sie vielleicht, „und wann willst du das denn getan haben? Etwa im Schlaf?“ Und ich antworte Ihnen: „Ja. JA. ABER NATÜRLICH! IM SCHLAF! WANN DENN SONST?“ Vermutlich reicht es Ihnen jetzt. Verzeihen Sie. Bitte. Ich gehe zu schnell vor. Ich vergaß. Es handelt sich bei Ihnen ja um Zweibeiner. Menschen. „Menschen“. „Was soll das jetzt?“, wundern Sie sich vermutlich. „Warum die Anführungszeichen. Warum das Wort zweimal?“ Das ist schnell erklärt. „Mensch“ sagt man unter uns, wenn man, um es vorsichtig auszudrücken, jemanden beleidigen will. „Du Mensch“ ist das letzte Wort zwischen zwei Hunden, bevor es zum Kampf kommt. Sie kennen das: Zwei Hunde begegnen sich, erkennen meist schon von weitem, ob es sich beim nahenden Gegenüber um ein sympathisches Individuum handelt oder eben nicht. Der begleitende, aufmerksame Mensch sieht das zum Beispiel an aufgestellten Nackenhaaren, am vorsichtigen Gang, der eine oder andere unter uns legt sich vielleicht vorsichtig abwartend auf den Boden und stellt dabei die Ohren auf. Mehr brauche ich nicht zu sagen, Sie würden mich sowieso nicht verstehen. Aber lassen Sie uns nicht den Faden verlieren. Was passiert dann? Man geht aufeinander zu, langsam, witternd, testet den anderen, macht die eine oder andere Dominanz gebärde, runzelt die Stirn (das sehen Sie nicht), spricht das eine oder andere Begrüßungswort (das hören Sie nicht) und dann ist meistens alles klar. Ist dann etwas nicht klar, weil eventuell der andere ein Angeber ist oder sich seiner Stellung entsprechend unangemessen verhält, dann muss es weitergehen. Ich zum Beispiel stelle mich dann sehr gerade hin, fixiere den Angeber und zeige meine Zähne. Nicht viel, nur ein bisschen, sagen wir mal, um zu demonstrieren, dass mir meine Reißzähne für diese Situation und dieses Hündlein, das mir gegenübersteht, zu schade sind. Das genügt! Meistens. Wenn nicht, geht es weiter. Sie werden einwerfen, dass es jetzt wohl kommen wird, das Wort. „Mensch“. Aber nein, weit gefehlt. Das kommt jetzt noch lange nicht. Jetzt wird sich umrundet, die Schritte werden immer bedächtiger, man tastet sich ab, ruft sich Sätze zu wie: „Was willst du nur. Du bist doch so ängstlich wie eine Katze“ oder „Na, hast du dir schon einen Bau gegraben, du Kaninchen“, vielleicht auch „Glücklicherweise bist du an der Leine, sonst würdest du gleich abheben, du Taube.“ Dann geht es weiter mit „magst du mal mein Gebiss sehen?“ und „warte nur ab, bis meine Reißzähne sich in deiner Kehle verbissen haben“ bis zu „gleich werde ich dir den Bauch aufschlitzen“. Sollte es jetzt immer noch nicht genügen, ist es an der Zeit, die Lefzen zurück zu ziehen und die Zähne zu zeigen. Das was Sie als „Knurren“ wahrnehmen, ist in Wirklichkeit nichts anderes als „So mein Freundchen, gleich ist es so weit. Sieh zu, dass du verschwindest, dann verfolge ich dich noch ein bisschen, werde dich aber am Leben lassen.

Donnerstag, 18. Februar 2010

Die Geschichte beginnt...

Ja, geneigter Leser, wenn Sie mich hier so sehen könnten, wie ich gemütlich daliege, die Hinterpfoten weggestreckt, den Kopf auf meine Vorderbeine gelegt, die Augen leicht geschlossen, was mögen Sie von mir denken? „Sieh dir einer mal diesen bequemen Hund an“, wird der eine sagen, etwas neidisch vielleicht. „Fauler Köter!“, könnte der Gedanke des nächsten sein, „unnützer Fresser, Dreck machendes Stinkvieh!“, die Assoziation eines Anderen. Welche Einfälle könnten Ihnen kommen, wenn Sie mein „Herrchen“ bei einem der unzähligen Versuche beobachten könnten, mir etwas beizubringen. „Bring den Ball, Kuno. Komm, bring’s Bällchen. Schau, da ist’s Bällchen. Nimm’s!“ Mitleidig würden Sie ausrufen: „Lassen Sie es doch bleiben. Das hat doch keinen Sinn. Der Köter ist ja nicht nur stinkfaul, sondern auch noch dumm. Dumm wie Stroh.“ Sie würden den Kopf schütteln, wenn sie mich sähen, wie ich mein „Herrchen“ ansehen würde, mit heraushängender Zunge, scheinbar in freudiger Erwartung einer Belohnung, vielleicht eines Käsestückchens oder eines kleinen Stückchens Wurst. Allein die Aufgabe, die er mir stellt, scheine ich nicht zu verstehen. Nach einem kurzen Blick zu dem Ball, den er nur wenige Meter neben mir abgelegt hat, belle ich ihn immer wieder auffordernd an, als ob ich sagte: „Ich habe Hunger. Ich will das Käsestück in deiner Hand.“ Er probiert es natürlich immer wieder, wird ungeduldiger und lauter: „Komm jetzt! Bring’s!“ Ich sehe immer eindringlicher auf seine Hand, tu so, als ob ich nicht verstehe. Natürlich weiß ich, dass ich seine „Belohnung“, ein lächerliches kleines Stückchen, dass mir davon abgesehen nicht einmal sonderlich schmeckt, am Ende sowieso bekomme. Ball hin oder her. Pfötchen oder nicht. Selbstverständlich führe ich keines seiner Kunststückchen aus. „Sitz“ oder „Platz“: Unsinn! „Bei Fuss“: Lächerlich! „Aus“: Haha, nicht mit mir! Ich kann das alles, keine Frage. Ich hätte auch kein Problem, etwas auf Kommando auszuführen, aber damit würde ich gegen meine Überzeugung arbeiten. Ein Hund – nein – ein kluger Hund tut so etwas nicht. Ich rede hier nicht von Hunden, die Sie, verehrte Leser, vielleicht als solche bezeichnen würden. Sie wissen schon, diese Hütehunde, die 100 Gegenstände mit Namen kennen und sie auf Kommando bringen. Oder die kleinen Zirkushundchen, die Kinderwägen durch die Gegend schieben oder durch Rollen kriechen. Nein, das sind bemitleidenswerte Kreaturen, vermenschlichte Wesen, die keine Selbstachtung haben und darüber hinaus etwas dumm sind. Nein, der kluge Hund hält sich zurück, je klüger, desto mehr.