Montag, 1. März 2010

Die Spinne

Ich erwachte, streckte mich und sah mich um. Ich stand auf der gleichen Stelle, die ich einige Zeit vorher verlassen hatte. Im Gegensatz dazu waren an diesem Tag jedoch keine Wesen zu erkennen, es herrschte auch kein Tag, es ging offensichtlich gerade die Sonne auf. Die Lichtung erschien mir um einiges größer als zuvor. Vorsichtig setzte ich mich in Bewegung, um das Lager zu erforschen. Ich schlich am Rand entlang und bewegte mich schnüffelnd auf die erste Höhlenöffnung zu. Als ich sie erreichte, wagte ich einen Blick hinein. Da ich nichts erkennen konnte und mir auch kein besonderer Geruch auffiel, tastete ich mich an der Wand entlang. Nach wenigen Metern bemerkte ich, dass sich die Höhle verengte. Ebenso, wie der Eingang zum Dorf aus einem engen Felsendurchlass bestand, schien in dieser Höhle ein schmaler Tunnel zu sein, der den Durchgang zu einem weiteren Raum bildete. Ich setzte leise einen Fuß hinein. Unter meinen Zehen spürte ich eine langsame, schleichende Bewegung. Erschrocken wollte ich den Fuß zurückziehen, dies gelang mir jedoch nicht, da sich um ihn eine Schlinge gebildet hatte, die mich in den dahinter liegenden Raum zog. Sobald mein zweites Bein im Felsdurchlass war, wurde auch dieses umwickelt. Auf diese Weise war bald mein ganzer Körper eingebunden. Die Seile, die mich hielten, bewegten sich immer leicht, mal verstärkte sich der Zug, mal wurde er wieder etwas lockerer. Schließlich spürte ich, wie ich in die Höhe gehoben wurde, bis ich dicht unter der Decke der Höhle hing. Nach einiger Zeit hörte ich ein leises Zischen, das sich meinem Ohr näherte. Als es ganz nah war, spürte ich eine Berührung in meiner Ohrmuschel. Die gezischten Laute waren nun als Worte vernehmbar: „Sssssssag miiiiiiääää daaaaaainen Nnaaaaamäään, doouuu klaaaiinnnessssssss miessssssses Rattttttzenviäääää!“ Ich hatte das Gefühl, als ob die Ranke sich tief in meinem Gehörgang festgesetzt hätte. Jedes Wort fügte mir Schmerzen zu. „Zorban“, keuchte ich. „Tssssssssoabaaaaan.Ts ts ts ts ts ts sss. Daassss kommtt miääää bekannttts voäääää.“ Hätte ich mich bewegen können, ich hätte mich vor Schmerzen gewunden. Glücklicherweise gab die Ranke nun keinen Laut mehr von sich. Langsam zog sie sich aus meinem Gehörgang zurück. Einige Zeit lang geschah nichts, bis ich aus dem Inneren der Höhle Schritte vernahm. Dem Geräusch nach zu urteilen, mussten viele Wesen angerannt kommen. Als die Schritte ganz nahe waren, stoppten sie. Es wurde plötzlich hell und ich sah eine gewaltige Spinne vor mir stehen, die ein Bein hoch gestreckt hielt, mit dem sie eine Lichtquelle festhielt. „Zorban, hä?“, spuckte sie mir entgegen. „Das kleine Hundevieh. Der Retter, hä? Lass ihn runter! Aber noch nicht losmachen!“ Ich fiel unsanft nach unten und blieb auf dem Rücken liegen. Die Spinne stand über mir, Speichel floss ihr aus dem Maul. Ich konnte zwei Zangen daran erkennen, die ständig in Bewegung waren. Mit einem ihrer haarigen Beine trat sie mir auf den Bauch. „Beweise, hä? Hast du Beweise? Vielleicht willst du dich bloß rausreden, hä? Willst verhindern, dass ich dich einspinne, mit meinem Stachel vorsichtig betäube, nur ein bisschen, hä? Damit du dich nicht bewegen kannst, aber alles mitkriegst, hä? Mitkriegst, wie ich ein Stück von dir herausbeiße, hä? Vielleicht hier, hä?“ Sie kam meinem Schwanz bedenklich nahe. Ihre Zangen klappten auf und zu. „Also? Beweise. Los!“ Ich fand meine Stimme wieder. „Ich weiß nicht. Wie soll ich es beweisen?“ „Wie, hä? Kannst nicht beweisen, hä?“ Ich lag mittlerweile in einer Speichelpfütze und spürte, wie die Spinne immer erregter wurde. „Oder hier vielleicht, hä? Kleines, leckeres Beinchen, hä? Aber erst der Stachel, erst der Stachel, hä?“ Die Spinne bewegte sich nach vorne, der mittlerweile auf dem Boden liegende Lichtstab beleuchtete ihren Stachel. „Nur ein bisschen, hä? Einfach mal reinpieksen. Mal was Leckeres, hä? Hier das Beinchen. Leckere Öhrchen. Fleisch, hä? Babyspeck, lecker, hä?“ So schnell sollte es vorbei sein? Ich überlegte fieberhaft. Was wusste ich noch?

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