Freitag, 19. Februar 2010
"Menschen!"
So, nun werden Sie sich fragen, warum dann diese Zeilen, die doch eindeutig belegen, dass es sich bei mir um ein kluges Exemplar meiner Gattung handelt. Die Antwort, lieber Leser, ist ganz einfach: Es handelt sich um eine Ausnahmesituation. Ich musste, um es einfach und für Sie verständlich auszudrücken, die Welt retten. Ja, ja, ich höre schon Ihren Ausruf und spüre Ihre Neigung, das Buch, das Sie gerade noch in Händen halten, beiseite zu legen oder es in das nächste Eck zu werfen. „Dieses arrogante Stück Hund, hält sich wohl für etwas Besonderes. Größenwahnsinniger Drecksköter!“. Aber natürlich, ihre Meinung sei Ihnen unbenommen, doch ich darf Sie um etwas Geduld bitten. Sie werden bald feststellen, dass es sich nicht um Selbstüberschätzung handelt, sondern dass meine Aussage noch eher bescheiden war. „Na gut“, entgegnen Sie vielleicht, „und wann willst du das denn getan haben? Etwa im Schlaf?“ Und ich antworte Ihnen: „Ja. JA. ABER NATÜRLICH! IM SCHLAF! WANN DENN SONST?“ Vermutlich reicht es Ihnen jetzt. Verzeihen Sie. Bitte. Ich gehe zu schnell vor. Ich vergaß. Es handelt sich bei Ihnen ja um Zweibeiner. Menschen. „Menschen“. „Was soll das jetzt?“, wundern Sie sich vermutlich. „Warum die Anführungszeichen. Warum das Wort zweimal?“ Das ist schnell erklärt. „Mensch“ sagt man unter uns, wenn man, um es vorsichtig auszudrücken, jemanden beleidigen will. „Du Mensch“ ist das letzte Wort zwischen zwei Hunden, bevor es zum Kampf kommt. Sie kennen das: Zwei Hunde begegnen sich, erkennen meist schon von weitem, ob es sich beim nahenden Gegenüber um ein sympathisches Individuum handelt oder eben nicht. Der begleitende, aufmerksame Mensch sieht das zum Beispiel an aufgestellten Nackenhaaren, am vorsichtigen Gang, der eine oder andere unter uns legt sich vielleicht vorsichtig abwartend auf den Boden und stellt dabei die Ohren auf. Mehr brauche ich nicht zu sagen, Sie würden mich sowieso nicht verstehen. Aber lassen Sie uns nicht den Faden verlieren. Was passiert dann? Man geht aufeinander zu, langsam, witternd, testet den anderen, macht die eine oder andere Dominanz gebärde, runzelt die Stirn (das sehen Sie nicht), spricht das eine oder andere Begrüßungswort (das hören Sie nicht) und dann ist meistens alles klar. Ist dann etwas nicht klar, weil eventuell der andere ein Angeber ist oder sich seiner Stellung entsprechend unangemessen verhält, dann muss es weitergehen. Ich zum Beispiel stelle mich dann sehr gerade hin, fixiere den Angeber und zeige meine Zähne. Nicht viel, nur ein bisschen, sagen wir mal, um zu demonstrieren, dass mir meine Reißzähne für diese Situation und dieses Hündlein, das mir gegenübersteht, zu schade sind. Das genügt! Meistens. Wenn nicht, geht es weiter. Sie werden einwerfen, dass es jetzt wohl kommen wird, das Wort. „Mensch“. Aber nein, weit gefehlt. Das kommt jetzt noch lange nicht. Jetzt wird sich umrundet, die Schritte werden immer bedächtiger, man tastet sich ab, ruft sich Sätze zu wie: „Was willst du nur. Du bist doch so ängstlich wie eine Katze“ oder „Na, hast du dir schon einen Bau gegraben, du Kaninchen“, vielleicht auch „Glücklicherweise bist du an der Leine, sonst würdest du gleich abheben, du Taube.“ Dann geht es weiter mit „magst du mal mein Gebiss sehen?“ und „warte nur ab, bis meine Reißzähne sich in deiner Kehle verbissen haben“ bis zu „gleich werde ich dir den Bauch aufschlitzen“. Sollte es jetzt immer noch nicht genügen, ist es an der Zeit, die Lefzen zurück zu ziehen und die Zähne zu zeigen. Das was Sie als „Knurren“ wahrnehmen, ist in Wirklichkeit nichts anderes als „So mein Freundchen, gleich ist es so weit. Sieh zu, dass du verschwindest, dann verfolge ich dich noch ein bisschen, werde dich aber am Leben lassen.
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