„Machs dir bequem“, forderte mich der andere auf. Ich sah mich um und entschied mich für eine Wolldecke, die zusammengelegt in einer Nische neben dem Einlass lag. Der große Vierbeiner setzte sich neben mich. „Achtung, erschrick jetzt nicht!“ Mit diesen Worten begann er sich heftig zu schütteln. Er dehnte sich, stellte sich auf zwei Beine, seine Gesichtszüge veränderten sich ebenso wie sein gesamter Körper. Die Schnauze wurde kürzer, die Fangzähne schrumpften, die Ohren wurden kleiner und legten sich an den Kopf an, das Fell schien gleichsam in die Haut eingezogen zu werden, während es an der Oberseite des Kopfes länger wurde. Nach einigen Sekunden stand vor mir kein Hund mehr, sondern ein Mensch. Er lachte mich an. „Ist bequemer so. Als Hund fühle ich mich nicht sehr wohl!“ Mit diesen Worten nahm er einen Stuhl, schob ihn zu mir her, setzte sich darauf, streckte seine Beine aus, verschränkte die Arme und sah mich an. Ich war mittlerweile aufgesprungen. „Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Bendor. Ich habe die Aufgabe, mich in der nächsten Zeit etwas um dich zu kümmern. Ich werde versuchen, dir die wesentlichen Dinge beizubringen, um in dieser Welt zu überleben. Ich werde dir erklären, wie man sich in unserem Dorf verhält und werde dich in die Künste einführen, deren Beherrschung aus einem kleinen Hund ein wichtiges Mitglied unserer Gesellschaft machen.“ Ich schaute ihn verständnislos an. „Was war das eben? Wie hast du das gemacht?“, fragte ich Bendor. „Was, die Verwandlung? Nichts Besonderes. Ich habe mich dazu entschieden, meine Zeit hier als Mensch zu verbringen. Ich könnte eigentlich jede Gestalt annehmen, die du dir vorstellen kannst und darüber hinaus auch noch einige, denen du wahrscheinlich in deinen schlimmsten Alpträumen nicht begegnen möchtest, aber es erleichtert die Sache, wenn sich jeder hier für eine Gestalt entscheidet, in der er sich im Dorf bewegt.“ „Warum willst du gerade ein Mensch sein?“, wollte ich von Bendor wissen. „Nein, nicht Mensch sein,“ entgegnete er. „Ich habe die Gestalt eines Menschen! Weißt du, man muss sich einfach überlegen, was man will. Ich will aufrecht gehen können, damit ich den Überblick draußen behalte, ich bin darauf angewiesen, Sachen zu tun, bei denen Pfoten mir hinderlich wären, Hände sind für meine Tätigkeit einfach praktischer. Dafür muss ich eben damit zurechtkommen, dass ich wesentlich langsamer bin als andere und nicht so fest zubeißen kann. Das braucht man hier, im Schutz des Lagers, nicht so oft.“ „Was ist deine Tätigkeit?“ „Das alles zu erklären, würde jetzt ganz schön lange dauern. Das ist im Moment für dich auch noch nicht so wichtig. Einfach ausgedrückt könnte man sagen, dass ich so etwas wie ein Wissenschaftler, ein Gelehrter oder ein Lehrer bin. Das muss für den Anfang genügen. So, und Fragen kannst du zu einem anderen Zeitpunkt stellen. Ich muss dir einige wichtige Dinge erklären. Du schläfst drüben, in der anderen Welt ein. Wenn du alles richtig machst, kommst du hier an. Du schläfst hier ein und wachst drüben auf. Verstanden?“ „Klar!“ „Gut! Wenn man drüben einschläft, kommt man irgendwo an. Die wenigsten wissen, dass sie ihre Bewegungen und Handlungen in der Traumwelt steuern können. Alle Lebewesen, die in der Lage sind zu träumen, kommen in dieser Welt an. Irgendwo da draußen, vielleicht in den Bergen, vielleicht in den Wäldern, auf dem Wasser oder in der Luft. Sie statten dieser Welt regelmäßig einen Besuch ab, erleben schöne oder schlimme Dinge, bringen sich hier vielleicht in Lebensgefahr und lernen vielleicht die wundervollsten Gefährten kennen, von denen sie sich nie mehr trennen wollen, aber wenn sie aufwachen, ist alles vergessen. Sie tun ihre Erlebnisse als Traum ab, verspüren noch einige Zeit lang ein gutes oder auch schlechtes Gefühl, dann stehen sie auf, strecken sich und gehen ihren Tagesgeschäften nach.
Samstag, 6. März 2010
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